Stilwüste Deutschland – Teil 2

Verfasst von am 14. Februar 2016
Stilwüste Deutschland – Teil 2

Die 10 Stil-Irrtümer der deutschen Business-Welt


1. Inhalt und Form sind getrennt zu betrachten

In der deutschen Business-Welt gilt immer noch der Grundsatz, dass der Inhalt wichtiger ist als die Form. Wie anders lässt sich die lässige bis schlampige äußere Erscheinung der meisten Business-Menschen sonst deuten?

„Wenn der Inhalt stimmt und ich meine Sache gut mache, dann ist meine äußere Erscheinung weniger wichtig.“ Diese Haltung nehmen 90 Prozent der Business-Menschen in Deutschland ein. Je intellektueller die Branche, desto verbreiteter ist diese Haltung.

Dennoch ist sie falsch: Inhalt und Form befruchten sich, wie wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen haben. Sie beeinflussen sich gegenseitig, fördern die Identifikation mit dem jeweiligen Beruf und der jeweiligen Position im Unternehmen. Inhalt und Form sind untrennbar miteinander verbunden.

Es wird Zeit, dass wir diesen Grundsatz in Schulen, Universitäten und im Rahmen der Ausbildung an die jüngere Generation weitergeben. In anderen Ländern wird dieses Wissen schon immer durch das gelebte Vorbild von Generation zu Generation weitergegeben.

2. Materiell-körperliche Bedürfnisse sind minderwertig

Die Erhöhung des Inhalts – der geistigen Welt gegenüber der Form – geht auf die protestantische Weltsicht zurück, die sich in Deutschland weitgehend durchgesetzt hat. Körperliche Bedürfnisse und materielle Belange werden herabgesetzt, gelten als niedrig oder minderwertig und erfahren wenig Wertschätzung oder sogar Verachtung.

Die Lösung aller Probleme wird in der nüchternen Sachlichkeit der Analyse und in der neutralen Bewertung der Dinge gesucht. Allzu oft endet jedoch die Abwertung der materiell-körperlichen Bedürfnisse in einer Sublimation bzw. Unterdrückung. Häufige Folge: ein unterschwelliges und geheimes Suchtverhalten, was dann gerne als „Opfer der Umstände“ sein dargestellt wird.

Ein Teufelskreis, in dem jede Verantwortung für die Berechtigung und Erfüllung materiell-körperlicher Bedürfnisse abgewehrt und abgewertet wird. Nicht umsonst gibt es in gehobenen beruflichen Positionen ein weitverbreitetes Suchtproblem.

3. Selbst-Wertschätzung ist Egoismus

Die Beschäftigung mit sich selbst und die Fürsorge für das eigene Wohlergehen gelten i.d.R. als eitel und egoistisch. Den Menschen, die gut für sich selbst sorgen, die auf ihre persönliche Form und Verfassung achten sowie für ihre primären Bedürfnisse eintreten, wird häufig Egomanie vorgeworfen.

Dabei lautet das oberste Gesetz der Nächstenliebe im übertragenen Sinne: „Nur wer in der Lage ist, sich selbst zu lieben, kann auch andere lieben.“

Allen gebildeten Menschen ist inzwischen zumindest theoretisch klar, dass nur derjenige für andere da sein kann oder seinen Job richtig gut machen kann, der für sich selbst sorgt. Die Aufgabe, aktive Selbstliebe und Selbstwertschätzung in die eigenen Hände zu nehmen, bedeutet, erwachsen zu handeln und wirkliche Verantwortung für sich und die persönliche Leistungsfähigkeit zu übernehmen.

Eine Metapher, die diese innere Haltung sehr treffend beschreibt, finde ich bei

den Sicherheitsanweisungen im Flugzeug: Die Sauerstoffmaske ist im Notfall zuerst sich selbst auf Mund und Nase zu setzen, bevor man sich um Mitreisende kümmert – selbst um die geliebten Kinder. Eine hervorragende Metapher für unser alltägliches Leben, da dieses doch fast immer eine Art Notfall ist.

4. Nur die Leistung zählt

Nur Leistung, Leistung, Leistung zählt, hämmern Manager dem Nachwuchs ein. Wirklich? Oder entscheidet über beruflichen Erfolg am Ende die soziale Herkunft, die Mitgliedschaft in elitären Netzwerken, die Ellbogenmentalität des Einzelnen und die erzielte Wirkung?

Hinter vorgehaltener Hand bestätigt Ihnen jeder Personaler, wie entscheidend Aussehen, Auftreten und Benehmen für die Einstellungs- und Karrierechancen von Mitarbeitern sind. Hat ein Vorgesetzter zwei fachlich gleich gute Mitarbeiter, so wird er die höhere Position i.d.R. mit dem besser aussehenden oder ihm sympathischeren Mitarbeiter besetzen – also mit dem Menschen, der die bessere Wirkung erzielt.

Beim Mittelstand gilt das Prinzip Leistung vielleicht noch ansatzweise. In hohen Positionen indes bestimmen Herkunft und „Vitamin B“ den beruflichen Erfolg weit mehr als die erbrachte Leistung. Und auch mittlere Positionen werden heute oft mehr nach Sympathie und Durchsetzungskraft vergeben als nach Leistung.
Ungerecht? Zutiefst menschlich! Das Fazit lautet also: Kein Erfolg ohne Wirkung!

5. Persönlicher Stil ist unnötiger Luxus

In Deutschland nehmen die meisten Menschen an, dass ein persönlicher Stil unwichtig für das Berufsleben ist. Sie gehen davon aus, dass weder eine gepflegte Erscheinung noch gutes Aussehen und Benehmen für ihr berufliches Vorankommen wichtig sind. Dementsprechend kümmern sich wenige darum, einen individuellen Kleidungs- und PersönlichkeitsStil zu entwickeln.

Sogar die gepflegte Erscheinung wird in Deutschland häufig vernachlässig, von Männern deutlich häufiger als von Frauen. Diese Tatsache betrifft sowohl körperliche Reinlichkeit als auch die Sauberkeit und Gepflegtheit von Kleidung und Schuhen.

Wie lange diese bequeme Nachlässigkeit vieler Deutscher, die oft als „ernsthafte Bescheidenheit“ daherkommt, noch überlebt, ist die Frage. Die ausländische Konkurrenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt steht in den Startlöchern, und die meisten Menschen aus anderen Ländern werden ihre

Pluspunkte in Bezug aufs gutes Aussehen, Auftreten und Benehmen sicher ausspielen.

6. Gutes Aussehen ist Ausdruck von Eitelkeit

Wer in Deutschlang Wert auf eine stilvolle und gepflegte Erscheinung legt, wird schnell als eitel und perfektionistisch angesehen. Wer eindeutig Zeit, Energie und Geld in die Optimierung der äußeren Erscheinung investiert, wird leicht zum Außenseiter. Und ob er will oder nicht: Die Kollegen werden ihm ausführlich erklären, warum sie selbst für „derartigen Luxus“ keine Zeit haben. Sie haben ja so viel anderes, Wichtigeres zu tun!

Der „Narzissmus des Understatements“ lässt grüßen. Unsicherheit und Minderwertigkeit verschanzen sich gern hinter Arroganz, Hochmut und Bequemlichkeit. Indirekte Aggression auf den Auslöser der persönlichen Verunsicherung, also denjenigen, der Wert auf seine äußere Erscheinung legt, ist dann die natürliche Folge. Besonders gern übernehmen diese Rolle unattraktive Frauen, die zu bequem und undiszipliniert sind, etwas für ihr gutes Aussehen und Auftreten zu tun, sowie Frauen, die sich hinter ihrer Mutter-Rolle verstecken.

Individueller Stil und eine gepflegte äußere Erscheinung sind an erster und oberster Stelle die Folge einer Investition von Zeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung für sich – also Arbeit an und mit sich selbst. Diese Arbeit lohnt sich.

7. Angemessen kleiden kann sich doch jeder

In Italien und Frankreich mag dieser Satz gelten. In diesen Ländern wird das Stil-Gen vererbt oder besser gesagt: Guter Stil wird von frühester Kindheit über das Sehen und Nachahmen trainiert. In diesen Ländern ist es Standard, sich zu pflegen, gut gekleidet zu sein und Wert auf die äußere Erscheinung zu legen. Dieser Grundsatz gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Selbst in den USA gibt es klare Regeln für Businesskleidung, an die man sich hält. Auch dann, wenn dort sofort nach der Arbeit, in den legeren Freiezeit-Look geschlüpft wird.

Doch was vermitteln wir Deutsche unseren Kindern? Deutschland ist das einzige Land, in dem Gewerkschaften und Personalräte in der Lage sind, die Einführung von beruflichen Bekleidungsvorschriften zu verhindern. Wir Deutsche bestehen so ausgeprägt auf unserer persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung, auch bei der beruflichen Kleidung, dass kaum jemand überhaupt die Erfahrung macht, wie wohltuend und unterstützend eine berufliche Uniform sein kann.

Die Uniform ist für mich der Prototyp, die Metapher jeder Professionalität der Dienstleistung. Ich liebe Corporate Fashion (das ist der moderne Ausdruck für berufliche Uniform). Sie vereinfacht jedem das Leben und kann mit einer persönlichen Note individualisiert werden.

Hier gibt es in Deutschland noch viel Luft nach oben – und die Möglichkeit, sich eine professionelle Beratung zu gönnen. Diese zahlt sich mit Sicherheit aus.

Denn wenn es drauf ankommt, ist Stil immer gefragt.

8. Wohlfühlen ist der höchste individuelle Wert

Wohlfühlen ist der Deutschen höchstes Gut. Sätze wie „ich muss mich doch bei meiner Arbeit wohlfühlen“ oder „ich kann mich doch nicht verkleiden“ sind so selbstverständlich, dass kaum jemand zu widersprechen wagt.

Dabei ignorieren viele Menschen die allseits bekannten Dresscodes („Formale Kleidung ist so gar nicht mein Ding“). Mit dem Ergebnis, dass sie sich unwohl fühlen: Es ist, als wenn man zu einer Motto-Party eingeladen wäre – und der Einzige ist, der sich nicht daran hält.

Wohlfühlen ist ein höchst subjektives Empfinden. Es wird durch Erfahrung und Konditionierung geprägt. Das heißt aber auch, dass sich das individuelle Wohlfühlen jederzeit durch neue, andere Erfahrungen verändern kann. Hier geht es einzig und allein um die innere Bereitschaft, Neues auszuprobieren und andere Erfahrungen zu machen.

Geistige Offenheit, innere Flexibilität und die Bereitschaft zur persönlichen Weiterentwicklung sind an dieser Stelle gefragt. Das darf und sollte jeder Chef von seinen Mitarbeitern erwarten und fordern, wenn diese zu bequem dazu sind.

9. Soziale Kompetenzen sind doch angeboren

Auch das ist eine Mär, die sich nachhaltig hält. Soziale Kompetenzen werden in den ersten drei Lebensjahren erworben. Danach gibt es noch die Chance, einmal Gelerntes bis zum Alter von fünf Jahren zu revidieren und zu erweitern. Ab dann neigen wir Menschen dazu, das Gelernte zu wiederholen.

Da in der heutigen Zeit nur wenige Eltern die Energie investieren, ihre Kinder zu erziehen, lernen nur noch wenige Menschen soziales Verhalten in der Zeit, wo es am einfachsten geht. Dementsprechend fehlt es an zentralen sozialen Kompetenzen, die da sind: empathisches Zuhören, mitfühlen, bitten und fordern, Fragen stellen, sich durchsetzen, Grenzen setzen und angemessenes Streiten.

Hier gilt es, im Erwachsenenleben Bewusstheit über den Mangel zu entwickeln und Freude am Lernen einzuüben. Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben!

10. Gutes Benehmen ergibt sich doch von selbst

Auch hier kann ich nur entschieden „Nein“ sagen. Die Grundlage für ein angemessenes Auftreten und gutes Benehmen ist die Wertschätzung für sich selbst und das Gegenüber. Daran mangelt es leider nur allzu oft. Wertschätzung für das eigene Sein und für die umgebende Welt kann ein Mensch erst dann erlangen, wenn er sich ausreichend mit der persönlichen Realität und den Gegebenheit der anderen beschäftigt.

Die Grundlage dafür ist auch, die eigenen Grenzen zu erkennen und anzunehmen und sich auf diese Weise vom individuellen Größenwahn, der fast schon zur gesellschaftlichen Norm geworden ist, zu verabschieden. Wenn diese Basis besteht, dann ist gutes Benehmen sicher aus dem gesunden Menschenverstand und einigen Regeln abzuleiten. Bis dahin gilt es, die deutschen und ausländischen Benimmregeln zu lernen, anzuerkennen und auszuüben.


Fazit

Mir liegt es am Herzen, eine Bresche für gute, professionelle Beratung zu schlagen – gerade wenn es um Aussehen, Auftreten und gutes Benehmen im beruflichen Kontext geht.Sie finden die finanzielle Investition zu hoch? Ich wage die Behauptung: Jeder kann sich Beratung leisten! Denn am Ende zahlt sich Stil immer aus. Wer sich professionell beraten lässt, bekommt seine Kosten mehrfach wieder heraus.

In diesem Sinne freue ich mich auf Sie und Ihre Anliegen.

Ihre Lisa Zimmermann

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