Liebe am Arbeitsplatz

Verfasst von am 20. Januar 2017
Liebe am Arbeitsplatz

Liebe am Arbeitsplatz

Private Beziehungen am Arbeitsplatz waren lange verpönt – zu Unrecht, wie die aktuelle Sicht auf diese Form der Liebesbeziehung zeigt.

Bisher schien die einhellige Meinung zu sein: Bloß nicht! Beziehung, Techtelmechtel, Liebe – das hat alles nichts am Arbeitsplatz zu suchen. Privates und Job durcheinanderzubringen macht nur Ärger. Inzwischen hat sich jedoch die allgemeine Haltung dazu geändert und wird oft von einer lockeren Seite her angegangen. Die Realität hat die Moral ohnehin schon vor langer Zeit eingeholt.

Im Grunde kann man sagen: Wer sich am Arbeitsplatz verliebt, hat doch richtig Glück – es gibt viele Vorteile für Mensch und Unternehmen.

Die Kollegen sind heutzutage eine Art Familienersatz geworden

Da in den letzten 20 – 25 Jahren Bindungen, sowohl in der Familie als auch im gesamten privaten Bereich für die meisten Menschen kompliziert geworden sind, bietet sich das Arbeitsumfeld immer mehr als Familien- und auch Freundesersatz an. Die Beziehungen dort sind oft unpersönlicher und eher sachorientierter. Somit sind sie erst mal leichter zu handhaben bzw. es ist einfacher, sich überhaupt auf eine intensive Beziehung einzulassen und Bindung einzugehen. Vielmehr entsteht die Bindung fast nebenbei – ohne bewusste Entscheidung – da die tägliche Routine für Kontinuität und Stabilität sorgt. Diese Realität ermöglicht vielen bindungsscheuen- bzw. bindungsängstlichen Menschen, den Einstieg in kontinuierliche Beziehungen zu finden und auch auszuhalten.

Persönliche Verbindungen am Arbeitsplatz und deren Einfluss auf die Arbeitsleistung

Da Menschen primär beziehungsorientiert sind, ist die Auswirkung von persönlichen Beziehungen im Arbeitsumfeld auf die individuelle Leistung meistens sehr positiv. Bestenfalls stärkt die persönliche Komponente das Engagement und die Leistungsbereitschaft, da die Emotionen des Betreffenden eingebunden sind und er/sie somit mehr „Lust“ auf gute Leistungen hat und mit einem individuellen Interesse dabei ist.

In seltenen Fällen kann es dazu kommen, dass die Leistungsbereitschaft vermindert ist, da sich der Mitarbeiter zu sicher fühlt. Er oder sie tendiert dann dazu, die Verantwortung abzugeben bzw. sich „hängen zu lassen“, da die Autorität und der Respekt als Reibungsfaktoren fehlen.

Diese Haltung ist jedoch eher die Ausnahme als die Regel.

Die größte Herausforderung an dieser Stelle ist, mit Streit und emotionalem Stress so umgehen zu lernen, dass die Leistungsfähigkeit unbeeinträchtigt bleibt. Die innere Haltung, die dazu notwendig ist, ist jedoch jederzeit lernbar, wenn das gewollt wird.

Liebe am Arbeitsplatz – kann das gut gehen?  

Aus meiner Sicht JA – unbedingt!

Hier besteht die Möglichkeit, dass sowohl die Menschen als auch die Unternehmen profitieren. Beziehungen, die ein gemeinsamer Aufgaben- bzw. Interessenbereich verbindet, haben in unserer heutigen Zeit eine gute Chance länger zu bestehen. Menschen verbringen sehr viel Zeit im Arbeitsumfeld und somit haben die Beziehungen eine große gemeinsame Schnittmenge. Die Herausforderung ist, dass die Liebespartner viel Bewusstheit über ihre bestehende Situation brauchen, um diese auch bestmöglich zugunsten des Paarseins zu gestalten.

Die Unternehmen profitieren immer von persönlichen Beziehungen am Arbeitsplatz. Hierbei sind die Emotionen, das Interesse sowie das Engagement der Mitarbeiter aktiviert und in die Arbeitsprozesse involviert, was grundsätzlich positiv für die Leistungsfähigkeit von Menschen ist.

Die große Herausforderung ist, dass die Mitarbeiter des Öfteren eine Anleitung dazu brauchen, wie sie lernen, die Sachebene (Arbeit, Leistung, Anforderungen, Druck) und die emotionale Ebene (Emotionen, Harmoniesehnsucht, Nähe- und Distanzwünsche, Konflikte, Stress) bewusst zu erkennen und zu unterscheiden. Das ist die Grundlage dafür, dass die beiden Bereiche, die bei einer Liebe am Arbeitsplatz aufeinanderprallen, gut verbunden werden und somit die Beziehung stärken, statt sie zu belasten.

Verhaltensregeln für ein Liebespaar im Job 

Was den Austausch von Zärtlichkeiten und Intimitäten in der Öffentlichkeit betrifft, so ist hier die Regel der goldenen Mitte genau richtig. Wenn Paare ihre Beziehung verheimlichen ist das Arbeitsumfeld irritiert, da die anderen spüren, dass irgendetwas merkwürdig ist. Ist das Paar jedoch in der Öffentlichkeit zu intim, ist die Kollegenschaft ebenfalls irritiert, da sie in einen Zuschauerstatus kommt und sich schnell ausgeschlossen fühlen kann. Grundsätzlich ist an dieser Stelle von dem Paar eine große Achtsamkeit auf das bestehende Konfliktpotential gefragt. Sollte es zu Irritationen oder Störungen mit den Kollegen kommen, so ist ein schnelles und entschiedenes Ansprechen hilfreich.

Umgang mit den Vorgesetzten  

Wenn beide Partner sich einig darüber sind, dass die neue Liebe einen tragfähigen Boden hat und zu einer ernsthaften Beziehung geworden ist, dann ist es grundsätzlich wichtig, den Vorgesetzten über die Beziehung zu informieren.

Unoffenheit schadet an dieser Stelle beiden Seiten – der Beziehung und dem Unternehmen. Es geht dann viel Energie und Aufmerksamkeit in die Geheimhaltung, die sowohl die Beziehung als auch die Arbeitsleistung beeinträchtigt und belastet. Hier sind beide Seiten (Mitarbeiter und Führung) gefordert, einen konstruktiven Umgang zu finden und sich darin gegenseitig zu unterstützen. Auf diese Weise profitieren beide Seiten von der persönlichen Beziehung.

Umgang der Leitungsebene mit Gerüchten und Problemen aufgrund einer Liebelei im Team

Hier ist das direkte, unmittelbare und schnellstmögliche Ansprechen der Realität das Mittel der Wahl. Nur wie? Das genaue Vorgehen ist hierbei absolut entscheidend und Fingerspitzengefühl ist gefragt.

Fragen und Bitten sind die angemessene Lösung an dieser Stelle!

Die Unternehmensleitung tut gut daran, auf die Beteiligten zuzugehen und diese in einem geschützten Raum sehr direkt zu den Gerüchten zu befragen. Die Bitte um eine ehrliche und offene Stellungnahme ist dann der beste Türöffner für ein konstruktives Gespräch. Diese Regel des Fragens und Bittens gilt grundsätzlich für alle direkten Vorgehensweisen in konflikthaften Situationen.

 Trennungen – die größte Herausforderung für private Beziehungen im Arbeitsumfeld

Trennungen sind bei privaten Beziehungen am Arbeitsplatz die größte Herausforderung. Hier gilt es, die persönlichen Emotionen gut im Bewusstsein zu haben, sodass die Wut, die häufig aufgrund von Kränkungen und Enttäuschungen entsteht, so wenig wie möglich agiert wird und von der Sach- bzw. Leistungsebene unterschieden werden kann. Bei Trennungen kann es durchaus kurzfristig dazu kommen, dass die Arbeitsleistung beeinträchtigt ist. An dieser Stelle ist ein moderiertes Gespräch eine gute Hilfestellung. In diesem Gespräch ist es wichtig, Anleitungen/Werkzeuge für die Gestaltung eines konstruktiven Umgangs mit den oft heftigen Emotionen, die bei Trennungen entstehen, zu erhalten und diese für den täglichen Gebrauch zu üben.

Familienunternehmen und deren Besonderheiten bei der täglichen Zusammenarbeit

In Familienunternehmen kennen sich die einzelnen Familienmitglieder meist über viele Jahre in verschiedensten Beziehungskonstellationen.

Hier arbeiten z.B. Vater und Sohn oder Ehemann und Ehefrau oft täglich zusammen und haben gleichzeitig enge private und sogar familiäre Beziehungen. Diese Realität birgt besondere Fallen, aber auch große Vorteile.

Familiäre Beziehungen sind oft in einem geschlossenen System gefangen.

Konkret heißt das, dass es aufgrund der langjährigen Erfahrungen miteinander eine festgelegte Sichtweise auf den anderen, das Gegenüber gibt. So kann beispielsweise der Vater den Sohn in einem bestimmten Blickwinkel sehen und auch der Sohn den Vater. Oft sind sowohl die Emotionen, als auch die Kommunikation und das Verhalten der Betreffenden relativ unoffen für neue Erfahrungen mit dem altbekannten Gegenüber. Dieser Hintergrund blockiert häufig die konstruktive Zusammenarbeit in kleineren Familienbetrieben. Hier ist es wichtig, dem bekannten Gegenüber mit einer großen Offenheit und Bereitschaft für neue Erfahrungen entgegenzutreten. Ein bewusster und entschiedener Perspektivwechsel, wie z.B. ein wöchentlicher Rollentausch im Bezug auf die Entscheidungsprozesse, kann hier wahre Wunder bewirken und hilft, eingefahrene Muster zu durchbrechen.

Gleichzeitig herrscht i.d.R. ein hoher Grad an Sicherheit, Vertrauen und auch Verantwortungsbereitschaft für das Ganze, sodass die Zusammenarbeit letztlich eine gute Basis hat, wenn es Raum für Entwicklung und Veränderung gibt.

Besondere Verhaltensregeln für eine Liebesbeziehung zwischen unterschiedlichen Hierarchie-Stufen

Die entscheidende Grundregel ist hier, wie bei allen Herausforderungen:

Die größtmögliche Bewusstheit und Achtsamkeit ist angesagt!

Folgende Regeln sind an dieser Stelle hilfreich

  1. Offenheit:

Wichtig ist, dass die Beziehung offen angesagt wird, sodass der Raum für Spekulationen möglichst kleingehalten wird.

  1. Diskretion:

Gleichzeitig ist wichtig, dass beide Parteien sehr diskret mit der Beziehung umgehen und möglichst Klatsch, Tratsch und das Ausplaudern von Intimitäten unterlassen.

  1. Wachheit:

Die Möglichkeit von Bevorzugungen oder Vorteilsaneignungen sollten auf jeden Fall sehr bewusst gesehen und unterlassen werden. 

  1. Ängste der anderen ernstnehmen:

Hilfreich ist, wenn die Kollegen in moderierten Gesprächen oder mit Hilfe der Leitung immer wieder Raum bekommen, ihre Ängste/Befürchtungen auszusprechen. Ängste, Befürchtungen, Irritationen sowie Störungen aussprechen zu dürfen, damit gehört und angenommen zu werden, löst diese im Handumdrehen auf. 

  1. Hilfe in Anspruch nehmen:

Bei Verstrickungen und festgefahrenen Situationen mit den Kollegen ist es immer sinnvoll, möglichst schnell die Leitungsebene einzubeziehen und um Lösungshilfen zu bitten.

Vorteil für Verliebte – sie sehen gleich zu Anfang das wahre Gesicht des anderen

Das wahre Gesicht des Partners ist im beruflichen Kontext am besten zu erkennen.

Wo, frage ich Sie, können Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin besser kennenlernen als im Büro? Wie benimmt er/sie sich im Gespräch mit den Kollegen, den Mitarbeitern und den Vorgesetzten? Ist er/sie beliebt? Schaut er permanent der Kollegin aufs Dekolleté oder hinterher? Flirtet sie ständig mit ihren männlichen Kollegen? Ist sie zickig mit ihren weiblichen Kolleginnen? Geizt er mit seinen Büroklammern? Teilt er seine Kekse?

Wo sonst, wenn nicht im Büro, haben sie die einzigartige Chance, diese Erkenntnisse über ihren Partner gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft zu sammeln. Hier hat ihr Gegenüber kaum die Chance ihnen nur sein „social face“ zu zeigen. Diese alltägliche Realität kann schnell ernüchternd sein, doch besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Der gemeinsame Arbeitsplatz ist auf jeden Fall eine besondere Chance, der vorhandenen Realität unmittelbar ins Auge zu schauen – auch dann, wenn diese schonungslos und schmerzhaft ist.

Also: Was gibt es gegen Liebe am Arbeitsplatz zu sagen? Nichts! Oder?

Jetzt für den Newsletter anmelden und immer auf dem Neuesten Stand bleiben
Mein Newsletter informiert Sie über aktuelle Termine, kommende Workshops und Wissenswertes zu Ihrer Personality und Performance. Der Newsletter wird ca. 2 mal im Monat ausgesendet, ist kostenlos und kann jederzeit abgemeldet werden. Mehr Infos in unserer Datenschutzerklärung.